Dienstag, 23. August 2016

Beleuchtetes Leben

GD

Heute meinte Alex zu mir, da sie am Wochenende ihre Bildbasteleien hergezeigt hat, solle ich meine auch endlich posten. Da ich ein großer Freund von Gruppenzwang (…) bin, komme ich der Aufforderung natürlich umgehend nach. :-) Der Ursprung der Bilder befindet sich in Gegenständen unseres täglichen Lebens: Ich habe die Muster auf unserem Esstisch (Birkenholz) und unserem Ofen fotografiert und bearbeitet. :D






Samstag, 20. August 2016

Anders

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Bildbasteleien mit verschiedenen Feldblumen (wie immer talentfrei):






Freitag, 19. August 2016

Selbst-bewusst-sein

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Selbst-bewusst-sein ist das Thema Nummer 12 des Blogideekastens, und eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass mir dazu irgendetwas Neues einfallen würde, denn ich habe hier und hier bereits viel über mich als Mensch und Autorin erzählt. Heute Vormittag ist mir aber spontan doch noch etwas zum Thema eingefallen, und das kam so:

Durch unsere Bilder und Erzählungen in diesem August wisst ihr ja, dass es in unserem »Garten« (es sind eher zwei Rasenstreifen entlang einer Kieseinfahrt) einen Brombeerstrauch gibt. Seit die ersten Beeren richtig reif waren, können wir circa jeden zweiten Tag eine Schüssel davon ernten; meist entstehen daraus Milchshakes oder Säfte. Allmählich muss ich aber etwas weiter ins Gebüsch, um die Brombeeren zu pflücken, weshalb ich mir Mitte der Woche ein T-Shirt mit Brombeerflecken eingesaut habe.

Heute hatten wir einige Erledigungen zu machen, unter anderem mussten wir auch in die Bank. Danach wollten wir aber auch noch Brombeeren holen, und wegen der heißen Temperatur wollten wir möglichst auch alles in einem Rutsch erledigen (wir erreichen unseren eigenen Garten mit dem Rollstuhl leider nur, indem wir ein Stück um den Block gehen). Da ich mir nicht noch ein zweites T-Shirt versauen wollte, habe ich das fleckige noch mal angezogen, das noch im Schlafzimmer lag, damit ich nicht vergesse, es vor dem Waschen mit Fleckenentferner zu behandeln. Damit bin ich dann raus- und auch in die Bank gegangen – es gab ein paar schräge Blicke, war aber einfach das kleinere Übel.

Und das ist irgendwie ein perfektes Beispiel dafür, wie ich als Mensch ticke: Ich tue, was ich für sinnvoll und richtig halte, schütze dabei das, was mir wichtig ist (in diesem Fall weitere Oberteile; ich habe nicht arg viele Klamotten), und wenn ich den Sinn dahinter sehe und davon überzeugt bin, ist es mir egal, ob andere Menschen mich deshalb negativ beurteilen oder belächeln.

Ich bin kein Mensch, der sich besonders toll findet. Ich empfinde keine echte Selbstliebe; ich würde mich, würde ich mich treffen, vermutlich nicht mal näher kennenlernen wollen. Aber ich bin ein Mensch, der sich selbst vertraut. Vor über einem Jahr habe ich das hier getwittert:


Und das ist wahr.

Die Geschichte mit den Brombeeren kann man zum Beispiel auch auf die »Löwenherzen 2580« übertragen. Ich habe mir lange Zeit gelassen mit der Überlegung, ob ich daraus noch einmal ein Buch machen soll/will. Und meine Entscheidung dafür fußt tatsächlich auf dem Interesse von vier Einzelpersonen, die mich seit Jahren treu lesen. An eine zusätzliche Leserschaft für dieses Buch (abseits von Angehörigen), die dann wirklich, wirklich langfristig Interesse an dem Projekt hat, glaube ich nicht, und viele andere Autoren würden sich vermutlich ziemlich darüber amüsieren, dass ich das jetzt ernsthaft durchziehe. Aber ich pflege auch hier wieder nur, was mir wichtig ist: meine Charaktere und die wenigen genreübergreifend treuen Leser, die ich habe. Und ich weiß, dass ich mich in den Augen einiger lächerlich machen werde mit diesem Projekt, aber das spielt keine Rolle für mich, weil ich meinen Sinn dahinter kenne.

Ich könnte mein ganzes Leben auf Entscheidungen dieser Art abklopfen und würde in jedem meiner diesbezüglich bewussten Lebensjahre ein paar davon finden. Allein schon Georgs und meine Beziehung ist das Ergebnis einer solchen gemeinsamen Entscheidung. Wie viele Menschen uns zu Anfang belächelt oder gar offen angefeindet haben, ist für uns noch heute unfassbar. Und ich glaube, dass genau das Selbstbewusstsein ist: zu wissen, wofür man selbst steht und daran festzuhalten, ohne die Meinung von Menschen zu beachten, die einem nichts Gutes wollen.

»Mangelndes Selbstbewusstsein«, der Ausdruck bezieht sich meist auf Personen, die sich viele Gedanken darüber machen, was andere von ihnen halten. Ist der Ausschnitt zu tief, der Körper zu dick, das Hemd zu rosa für einen Mann? Aber das alles muss ja irgendwo einen Ursprung haben, und entgegen so mancher Meinung ist Selbstbewusstsein für mich kein Synonym für »sich selbst ganz toll finden«. Selbstbewusstsein ist nicht mit Narzissmus gleichzusetzen. Es ist das Ergebnis dessen, sich zu kennen, für sich Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen.

Wenn ich weiß, ich tue das (für mich) Richtige, bin ich weniger beeinflussbar von außen. Dann brauche ich auch nicht darüber zu jammern, dass meine Familie, mein Freundeskreis oder gar Fremde mich ausbremsen – weil ich mich nicht von ihnen ausbremsen lasse. Dann bin ich allerdings auch allein für meine Entscheidungen verantwortlich und habe keine böse Außenwelt mehr, auf die ich meine Verfehlungen schieben kann. Je besser ich mich aber selbst kenne, desto seltener werde ich auf bewusster Ebene etwas tun, mit dem ich mir ernsthaft schade. Ein Mensch, der sich seiner selbst bewusst ist, wird natürlich nicht automatisch immun gegen Angriffe von außen, und er wird auch nicht immer nur lauter richtige Entscheidungen fällen. Das wäre übermenschlich. Aber er wird lernen, dass die Meinung anderer über das eigene Handeln (zumindest im privaten Bereich) in den seltensten aller Fälle eine Rolle spielt – und das ist doch schon mal ein riesengroßer Erfolg.

Ich denke, ich bin tatsächlich ein selbst-bewusster Mensch. Ich bin nicht klassisch schön, ich bin nicht übermäßig intelligent, ich kann auch keine Karriere vorweisen – aber ich weiß, wofür ich stehe.

Donnerstag, 18. August 2016

Löwenherzen-Info

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So, heute habe ich mich endgültig entschieden: Die »Löwenherzen 2580« werden ein weiteres Waidbronn-Buch. Eigentlich war es für mich hiernach schon fast klar (danke an euch vier für die Entscheidungshilfe!), aber ein bisschen Bedenkzeit wollte ich mir und der Geschichte trotzdem noch geben. Und heute, nachdem ich Kapitel 10 nochmals gelesen hatte, habe ich spontan beschlossen, das noch zu reißen. Ein letzter Waidbronn-Roman, noch dazu einer mit mindestens 500 Seiten. Machen wir.

Da die Entscheidung jetzt steht, stelle ich allerdings den öffentlichen Upload ein – ich hatte ursprünglich zwar vor, mindestens den ersten Romanteil komplett zu posten, aber ich komme besser voran, wenn ich erst mal alles weitgehend roh am Stück schreibe, statt immer wieder längere Überarbeitungspausen einzulegen. Als Buch erscheinen wird der Roman dann voraussichtlich im Laufe des Jahres 2017 – ganz bewusst ohne Monatsangabe, das tu ich mir besser nicht an, und es gibt da ja noch ein paar andere anstehende Projekte. Das Inhaltsverzeichnis der bereits geposteten XXL-Leseprobe von »Löwenherzen 2580« findet ihr weiterhin hier; es ist auch über das Cover in der Sidebar erreichbar.

»Ich bin sehr bitter, Ephraim. Ich habe nichts mehr zu geben und niemandem etwas zu erzählen. Ich bin der falscheste Ansprechpartner im Universum, wenn es um deine Probleme geht. Aber wahrscheinlich bin ich auch der einzige.«


Löwenherzen 2580

Viel Liebe an unsplash.com für dieses Bild!

Mittwoch, 17. August 2016

Kapitel 10

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Kapitel 10 der »Löwenherzen 2580« ist eines, auf das ich mich seit Monaten freue, obwohl es schon seit letztem Jahr fertiggestellt ist. Seine Protagonisten, Ver'em und Zir, sollten mit dem »Codewort: Puls«-Prequel »Die Liebe ist wie ein Planet im Hals« nämlich ursprünglich eine komplett eigene Geschichte bekommen, haben dann aber einfach zu gut ins Löwenherzen-Gesamtgefüge gepasst. Der Titel ist allerdings nicht verloren: Der zweite Romanteil von »Löwenherzen 2580« wird »Die Liebe ist wie ein Planet im Hals« heißen. Nun nähere ich mich aber erst mal dem Abschluss des ersten. :D


– 10 –

657031 | Ar'tinx-I'disk | Tinx'id-Ai | S'e-Tinx Süd


Die Scherben waren überall. Auf dem Boden, auf den Regalen, sogar auf der Leiche. Und in den Handgelenken des Jungen. Auch sein Blut war überall, überall, auf den Wangen des Toten trocknete es bereits und färbte sich blauschwarz. Der Junge stand vor dem Obduktionstisch und tobte jetzt nicht mehr, atmete nicht einmal mehr, hielt die Luft an, und sein Gesicht bekam eine ungesund graue Farbe.
»So«, sagte Ver'em leise und ging einen Schritt auf die schmächtige Gestalt zu. Er hatte nicht versucht, dem Wüten und Toben des Jungen Einhalt zu gebieten. Nicht im Ansatz. Und abgesehen davon, dass die Pathologie jetzt einem Schlachtfeld glich, schien er die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Sichtlich verwirrt blickte der Junge auf, und endlich zog er einen Stoß Luft in seine Lungen. Zir'e-Nas Ve'r-Uem, garantiert noch keine zwanzig, massiv unterernährt und die einzige Kontaktperson, die Ke'd-Ri Bat'ar im Verzeichnis angegeben hatte.
Ke'd-Ri, ausgerechnet dieser Name. Ein Ke'd-Ri ohne Flügel, elendig krepiert an einer Überdosis E'n-Afgh. Und umgekehrt vermutlich die einzige Kontaktperson von Zir'e-Nas Ve'r-Uem, was die ganze Angelegenheit kompliziert machte. Der Junge stand derart unter Schock, dass Ver'em ihn nicht guten Gewissens zurück auf die Straße schicken konnte, wo er zu leben schien, so wie er aussah. Als Kontaktperson musste er mindestens siebzehn sein. Keine Wurzellosenstation würde ihn aufnehmen. Also wohin mit ihm? Ins Krankenhaus? In eine Psychiatrie? Verdammte Scheiße, dachte Ver'em.
»So?«, wiederholte der Junge und blickte ihn fragend an.
»So«, bestätigte er und nickte. »Ich hoffe, Sie haben sich jetzt beruhigt. Glauben Sie mir, ich möchte das nicht, aber falls Sie hier weiter randalieren, muss ich die Ordnungshüter rufen.«
Erschrocken schaute der Junge sich um, und ein von Entsetzen durchtränktes Begreifen schlich sich in seinen Blick. »Ich werde das – nein.« Jetzt sah er Ver'em direkt in die Augen, verstörend gefasst inmitten des Schocks. »Mir ist in vollem Umfang bewusst, dass es meine Pflicht ist, diesen Schaden finanziell zu begleichen, aber das kann ich nicht. Ich werde alles für Sie aufräumen, wenn Sie erlauben. Danach können Sie die Ordnungshüter rufen.« Ein bitteres Lächeln hatte sich während der letzten Worte um seine Lippen geschlungen, ganz so, als wären ihm Zusammenstöße mit den Ordnungshütern vertraut. Dieser Junge, ein Dieb oder ein Schläger? Das war schwer vorstellbar.
Plötzlich musste auch Ver'em lächeln, allerdings ohne eine Spur von Bitterkeit. »Aufräumen können Sie das Chaos liebend gern, wenn Sie das wollen. Ansonsten – tja, ich schätze die Gesellschaft der Ordnungshüter nicht übermäßig. Es wird mich nicht in den Ruin stürzen, drei neue Glasvitrinen zu kaufen.«
Die Augen des Jungen weiteten sich ungläubig. »Es würde mir aber wirklich nichts ausmachen«, sagte er. »In den Knast zu gehen, meine ich. Für eine Weile.«
Ver'em seufzte auf. »Er hat die Miete bezahlt, oder?« Sein Blick glitt über Ke'd-Ri Bat'ars Leichnam. Abgesehen von seinen störrischen Haaren, die bürstenartig in alle Himmelsrichtungen abstanden, musste er einst ein attraktiver junger Mann gewesen sein. Vor den Drogen.
»Ich heiße Zir«, flüsterte der Junge.
»Wie?« Unwillkürlich schüttelte Ver'em den Kopf.
»Sie haben mich etwas Persönliches gefragt«, murmelte der Junge, Zir, Zir'e-Nas Ve'r-Uem. »Bevor man sich über persönliche Dinge unterhält, stellt man sich einander vor.«
»Verstehe.« Ver'em unterdrückte das gerührte Schmunzeln, das sich auf sein Gesicht stehlen wollte. »Das ist natürlich richtig. Mein Name ist Ver'em A'v-Int, so habe ich mich auch gemeldet, als ich Sie anrief, und Ihren Namen kenne ich aus dem Verzeichnis.«
»Aber Zir'e-Nas ist nur mein Schreibname für Behörden. Wenn wir über persönliche Dinge sprechen, heiße ich Zir.«
»In Ordnung, Zir.« Ver'em nickte ihm zu. »Wenn wir jetzt also über persönliche Dinge sprechen, heiße ich Ver'em. Ich finde übrigens, dass mein Vorname hervorragend zu deinem Nachnamen passen würde. Ver'em Ve'r-Uem, das wäre großartig. Es ist frustrierend, dass ich nicht reich genug bin, um das ändern zu lassen.«
Zir blinzelte ihn an. »Das macht doch nichts«, sagte er und verzog leicht das Gesicht, ernst und grüblerisch, als überlegte er, ob seine Reaktion angemessen war.
Ein Ir'en-Naie, schoss es Ver'em durch den Kopf. War das möglich? Eine milde, früh kompetent behandelte Form?
»Sie sind – du bist ein Un'hi, nicht wahr?«, fragte Zir jetzt, und erneut waren seine Stimme und sein Blick irritierend fest für jemanden, der bis vor ein paar Ek'hi weinend und schreiend diesen Raum verwüstet hatte. Für jemanden, dessen toter Lebenspartner vor ihm auf einem Obduktionstisch lag. »Ich meine, ein vollständig ausgebildeter. Du obduzierst und bestattest Menschen, und du bist auch Arzt. Chirurg. Un'hi müssen immer auch Chirurgen sein, nicht wahr?«
»Im weitesten Sinne«, antwortete Ver'em, überrascht und zögerlich. »Warum?«
»Weil ich dringend …« Zirs Blick flackerte wie ein Feuer im Regen und drohte zu erlöschen, als er Ke'd-Ri Bat'ars Leiche erreichte. Dann schüttelte der Junge den Kopf, auf unerwartet vehemente, erwachsene Weise. »Ke wollte auch Arzt werden«, behauptete er, und die Festigkeit kehrte in sein Auftreten zurück. »Irgendwann mal, früher. Ist lange her.« Falls dieser Kerl ein Ir'en-Naie war und seine Worte eine Lüge, war er verdammt gut.
Ver'em nickte einmal mehr, und er legte alle Sanftheit der Welt in sein Lächeln. Ob Lüge oder nicht, die Wahrheit dahinter musste ihm niemand erklären. »Einen Arzt kannst du auf jeden Fall gebrauchen«, sagte er und hob beschwichtigend die Hände, als Zirs Augen sich erschrocken weiteten. »Ich tu schon nichts, was du nicht willst, keine Angst. Aber wenn du nicht willst, dass ich dir die Scherben aus den Handgelenken ziehe und die Wunden desinfiziere und verbinde, bist du hochgradig bekloppt, mein Lieber.«

Ver'em versuchte, die nächtliche Pathologie mit Zirs Augen zu sehen. Den nackten Steinboden, die silbrige Front der Kühlfächer, die neuen Glasvitrinen, nur schemenhaft erkennbar im violettstichigen Mondlicht. Der beißende Geruch der Desinfektionslösung hing in der Luft, und wenn ihm das nach all den Jahren noch immer derart deutlich auffiel, wie musste es dann Zir gehen?
Der Atem des Jungen ging ein wenig gepresst, auch jetzt noch, nach über zwei Ek'h.
»Du schläfst nicht«, stellte Ver'em mit sanfter Stimme fest. Wenn Zir nicht schlafen konnte und er selbst ebenso wenig, konnten sie sich genauso gut unterhalten.
»Nein«, flüsterte Zir. »Aber du auch nicht.«
Leise lachte Ver'em auf. »Das ist wahr. Ich habe selten Besuch über Nacht.« Dann wurde er ernst, und es schmerzte ihn: »Schon gar nicht von Menschen, deren einziger Angehöriger in einem meiner Kühlfächer liegt.«
»Ja«, sagte Zir. »Das ist seltsam.« Sein Atem stockte hörbar, und was er dann hervorpresste, jagte Ver'em einen Schauer über den Rücken: »Ver'em? Können wir vielleicht das Fach aufmachen? Und das Licht anschalten? Du hast gesagt, morgen früh musst du Ke schon verbrennen. Und wenn du ihn morgen früh verbrennen musst, ist diese Nacht die allerletzte Nacht, in der ich die Möglichkeit habe, neben ihm zu schlafen. Und ihn zu sehen, wenn ich die Augen aufmache. Wenn er verbrannt ist, geht das nicht mehr. Die Asche in einem Gefäß, das ist ja nicht das Gleiche. Außerdem kann ich das Gefäß nicht behalten. Ich weiß doch so schon nicht, wie ich alles transportieren soll, was ich bald brauchen werde. Und ich könnte das Gefäß auch überhaupt nicht bezahlen.«
Ver'ems Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten, seine Nägel gruben sich in sein Fleisch. Seine Kehle fühlte sich eng an, eng und ausgedörrt, und er musste einige Ek'him warten, atmen und atmen, bis er gewiss war, dass seine Stimme seine Worte tragen würde. »Wenn das dein letzter Wunsch vor Kes Bestattung ist, tun wir das«, antwortete er schließlich. Er musste nicht fragen, ob das Zirs Ernst war, weil alles, was dieser Junge aussprach, ernst gemeint war. Mehr als fünf Ek'h in seiner Gegenwart hatte Ver'em nicht gebraucht, um das zweifellos festzustellen.
Mit einem Ruck richtete Zir sich auf dem gegenüberliegenden Obduktionstisch auf und strampelte sich aus seiner Decke. »Danke«, ächzte er.
Ver'em setzte sich ebenfalls auf, strich seufzend über den Lichtregler, rutschte von seinem Tisch und ging hinüber zu dem Jungen. »Wie weit bist du?«, fragte er direkt.
Zir biss sich auf die Unterlippe. »Ich lasse es nicht töten«, murmelte er und starrte auf seine Knie. »Ich behalte es. Das hab ich doch schon gesagt, Ver'em.«
»Darum geht es mir auch nicht. Was hältst du denn von mir? Meinst du, ich halte fremde Menschen in meinem Leichenkeller fest, um gegen ihren Willen ihre Kinder abzutreiben? Ich bitte dich.«
Zir hielt für einen Moment die Luft an. »Wir sind uns nicht mehr fremd«, antwortete er dann mit bebender Stimme. »Wir haben uns einander vorgestellt, und ich schlafe in deinem Zuhause, auch wenn es kein richtiges Zuhause ist.«
Ver'em schloss die Augen. Atmete durch. Öffnete sie wieder und suchte Zirs erneut flackernden Blick. »Du hast recht, entschuldige. Du bist kein Fremder mehr für mich. Und das ist ein Grund mehr, warum ich so etwas niemals tun würde. Aber ich frage dich trotzdem, wie weit du bist. Als Arzt, verstehst du? Du bist untergewichtig, ganz extrem sogar, das ist nicht gut. Und du wirkst, als hättest du Schmerzen, auch wenn du nichts sagst, das ist noch weniger gut. Nicht, wenn die Zeugung schon ein paar Wochen her ist. Jeder Körper schmerzt, während die männlichen Organe verkümmern und die weiblichen sich endgültig ausbilden, aber länger als zwei, drei Wochen dauert dieser Vorgang bei kaum jemandem.«
Der Junge spannte seine Kiefermuskulatur derart an, dass Ver'em das Knirschen seiner Zähne hören konnte. Erneut schnappte er nach Luft, und sein schmächtiger Körper begann zu zittern.
Sachte legte Ver'em ihm die Hand auf den Rücken, und er zuckte leicht zusammen unter der Berührung, wehrte sich jedoch nicht dagegen. »Kannst du das aushalten?«, fragte Ver'em. Ir'en-Naie, er hatte keine Zweifel mehr. »Oder stört dich so etwas sehr?«
»Es stört mich eigentlich sehr«, meinte Zir, »aber du hast Ke gefunden und mich angerufen, und du lässt mich bei dir schlafen und dabei sein, wenn du ihn verbrennst. Es ist in Ordnung bei dir.«
»Das ist gut.« Ver'em verlieh seiner Hand auf Zirs Rücken mehr Gewicht. »Ich möchte dich nämlich gern untersuchen. Das ist wichtig, das weißt du bestimmt selbst. Deshalb habe ich dich gefragt, wie weit du bist.«
Der Junge blinzelte heftig, nickte langsam und bedächtig. »Passiert ist es vor vier Wochen und ein paar Ek'h. Ich weiß nicht genau, vor wie vielen Ek'h, weil Ke und ich Alkohol getrunken haben, und ich hatte zuvor noch nie Alkohol getrunken. Seit drei Wochen, sechs Tagen und fast zehn Ek'h weiß ich es, zumindest dachte ich mir, dass da noch etwas anderes ist, ein Kind, also dass ich nicht nur vom Alkohol so sehr alles vollkotze, weißt du, unser Vermieter war sehr wütend, aber mir war schwindelig und ich konnte nicht mal mehr bis zum Klo laufen, und Ke war verschwunden, und alles war sehr, sehr widerlich.«
Beinahe musste Ver'em lachen. »In Ordnung«, sagte er und ließ seine Hand liegen, wo sie war. »Das ist in Ordnung, Zir. Vier Wochen sind eine lange Zeit, in der Regel sind zu dem Zeitpunkt alle wichtigen Veränderungen abgeschlossen. Aber bei jemandem, der zum ersten Mal ein Kind bekommt und der noch dazu so abgemagert ist wie du – ich denke nicht, dass wir uns ernsthafte Sorgen machen müssen. Untersuchen möchte ich dich selbstverständlich trotzdem.«
»Warum wir?«, fragte Zir. »Machst du dir auch Sorgen? Wir sind uns zwar nicht mehr fremd, aber sich Sorgen zu machen, das ist viel. Meistens machen das nur Menschen, die sich sehr gut kennen, so hat Ke mir das erklärt.«
»Oh, aber ich bin Arzt, schon vergessen?« Ver'em lächelte. Und plötzlich wusste er es. Dass er diesen Jungen nicht wieder fortschicken konnte. Dass er ein Dach über dem Kopf brauchte, und sei es nur das Dach der Pathologie. Und medizinische Betreuung. Er hasste sich ein bisschen für diesen Leichtsinn, ein winzig kleines bisschen, doch die Rührung und das Lächeln waren stärker. »Ich mache mir Sorgen, wenn ich Menschen sehe, die Schmerzen haben oder denen es anderweitig schlecht geht. Die meisten meiner Patienten sind schon tot, für die kann ich nichts mehr tun. Aber um einen lebendigen Patienten muss ich mir Sorgen machen, ob ich will oder nicht.«
Zir schwieg, schien ein paar Ek'hi gründlich darüber nachzudenken. Schließlich nickte er. »Du darfst mich untersuchen«, wisperte er. »Ich gebe mir Mühe, dass es mir nichts ausmacht. Aber erst holen wir Ke aus dem Fach, geht das? Die Nacht ist noch lang für eine Nacht, aber sehr kurz, wenn ich daran denke, dass danach das Für-Immer ohne ihn kommt. Und das wird schwer. Und traurig. Obwohl ich ihm gesagt habe, wir können nicht mehr zusammen sein, und obwohl das die Wahrheit war.«
Ver'em stutzte. Du hast Schluss gemacht?, schoss es ihm durch den Kopf. Ob sein Ir'en-Naie-Verdacht doch falsch war? Ob Zir irgendetwas anderes hatte, ein Trauma, ein weit älteres Trauma als jenes um Kes Tod? Je nachdem, in welcher Wurzellosenstation er aufgewachsen war … »Ihr wart also keine Lebenspartner mehr?«, unterbrach Ver'em seine Grübelei und sah dem Jungen aufmerksam in die Augen.
»Nein.« Zir schüttelte den Kopf, rutschte vom Tisch und atmete sichtlich auf. »Im Liegen und Sitzen tut es mehr weh«, interpretierte er Ver'ems fragenden Blick richtig. »Und wenn ich stehe, fast gar nicht. Das ist sehr lästig, wenn man schlafen will. Ich glaube, es ist sehr gut, dass ich dich getroffen habe. Wenn du mich untersuchst und sagst, es ist alles in Ordnung, schlafe ich sicher trotzdem besser.«

Montag, 15. August 2016

Am Ende der Sammeltage

GA

Eine Arbeitsbiene hat, nachdem sie geschlüpft ist, circa drei Wochen Innendienst im Bienenstock – dann geht es für sie nach draußen zum Pollensammeln. Nach nur etwa 20 Tagen des Sammelns sind ihre Flügel zerfetzt und sie stirbt.

Gestern Abend sind wir einer Biene begegnet, die sich wohl am Ende ihrer Sammeltage befand – trotzdem sind dies die vielleicht schönsten Fotos, die wir bislang von einer Biene gemacht haben:






Samstag, 13. August 2016

Topmodel

GA

Ein Distelfalter, der kürzlich auf einem Schmetterlingsfliederstrauch spontan für uns gemodelt hat:


Dienstag, 9. August 2016

Kapitel 9

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Whoa. Meine Motivation bezüglich der »Löwenherzen 2580« ist momentan auf dem Nullpunkt, dabei kommen jetzt nach und nach meine Lieblingskapitel, die größtenteils schon seit dem letzten Herbst in Rohversion fertig sind und nur noch ausgebaut und/oder überarbeitet werden müssen. Aber nach wie vor steht mein Plan, alles Angefangene zu beenden, also werde ich mir definitiv in den Arsch treten. Und wer weiß, vielleicht wird es ja auch bald wieder besser. Hier kommt auf jeden Fall Kapitel 9:


– 9 –

2580 | Die Erde | Deutschland | Waidbronn


Er blinzelte, jäh aus dem Schlaf gerissen und desorientiert. Es war zu früh. Es war zu dunkel. Und dieser Weckton war das Grauen. »Gott, ich hasse alle deine Smartphone-Töne«, murmelte er, lächelte jedoch dabei und tastete auf der Matratze nach der Hand, von der er eigentlich erwartete, dass sie den Radau abstellte. Und da war sie, schmal und vertraut und ein wenig zu kühl. Er schloss die Finger um sie, wollte sie wärmen.
»Was?«, fragte Diego. »Mann, Eph, was hast du zurzeit immer mit irgendwelchem prähistorischen Kram? Es wäre übrigens cool, wenn du meine Hand wieder loslassen könntest. Ich meine, du bist ein echt scharfer Typ, und dass du nichts von dem ganzen Mode-Gequatsche hältst, macht dich nur noch attraktiver, aber ehrlich gesagt fühle ich nicht so für dich, außerdem gehöre ich zu El'eym, und ich glaube sowieso, dass du noch halb träumst.«
Ephraim riss die Augen auf und setzte sich mit einem Ruck aufrecht hin. »Diego!«, fuhr er sein Gegenüber an, das in aller Gelassenheit auf seiner Bettkante hockte, das konnte er selbst im Fastdunkel erkennen. »Wie zur Hölle bist du hier reingekommen? Und was willst du, verdammt noch mal? Es ist …«, er tippte sein Wristpad an, »vier Uhr morgens?! Willst du mich verarschen?!«
»Nein, nein, nein.« Auch Diego drückte auf seinem Wristpad herum, und endlich hatte das grauenvolle Geklingel ein Ende. »Eure Alarmanlage könnte jedes Kleinkind hacken. Und ich bin bloß hier, um Alice abzuholen. Sie hat mir doch gestern Abend in der Bar gesagt, dass sie bei dir schläft, und ich hab was gefunden, das ihr gefallen wird.«
»Hm?«, machte Alice schlaftrunken, die an der Wandseite des Bettes lag.
»Ich hab das Haus gefunden«, verkündete Diego munter. »Das Haus, in dem Max vermutlich gelebt hat. Es ist hier in der Stadt, ich hatte recht. Und wir sollten jetzt gleich los, das Haus ist zwar momentan unbewohnt, aber drum rum stehen vier fette Bonzenkästen. Es wäre ungünstig, da bei Tageslicht einzusteigen.«
Alice gab ein Geräusch von sich, das mit viel gutem Willen als »Hpff« durchging. »Diego, spinnst du?«, schob sie hinterher und gähnte. »Zuerst behandelst du mich wie Dreck, dann verlangst du mehrfach, dass ich dir haarklein alles erzähle, was du schon von El'eym weißt, und jetzt erwartest du, dass ich mitten in der Nacht mit dir in ein fremdes Haus einbreche?«
»Es ist früher Morgen«, korrigierte Diego. »Und ich hab mich doch entschuldigt.«
Alice gähnte erneut und richtete sich auf. »Genau genommen hast du das nicht. Du hast nur gesagt, wir sollten noch mal ganz von vorn anfangen.«
»Ja, das habe ich. Und dann hast du mir den Zettel gezeigt und mir alles erzählt. Mehrfach, das stimmt, ich finde es halt interessant, okay? Und ich habe dir immer wieder gesagt, diese Max-Geschichte, das war bestimmt auch in Waidbronn. Und jetzt hab ich ein Haus gefunden, das passen könnte, und es ist noch eine Weile dunkel genug, um es dir zu zeigen.«
»Du warst die ganze Nacht wach, um dieses Haus zu suchen?«, stöhnte Alice.
»Ja«, sagte Diego. Dass er es um diese Uhrzeit aus dem Bett schaffte, war ausgeschlossen.
Ephraim kniff die Augen zusammen und blinzelte dann ein paarmal konzentriert. Er versuchte, sich den Traum zurück in den Kopf zu ziehen, den Traum, den er gehabt hatte, bevor er aufgewacht war – doch da war nichts. Nichts, das er zu fassen bekam.
»Diego, ich breche nicht in Häuser ein«, sagte Alice. »So was könnte mich meine Zulassung kosten. Ich schau mir dieses Haus gern mit dir an, aber besorg uns eine Genehmigung vom Eigentümer oder der Stadtverwaltung. Und mach einen Termin aus, der auch El'eym passt, für ihn ist das schließlich genauso wichtig.«
»Oh, El'eym und ich arbeiten nicht zusammen«, erwiderte Diego hastig. »Aber einen Termin kann ich vereinbaren, wenn du darauf bestehst.«
»Ich bestehe auf einen Termin und auf El'eym. Ernsthaft. Und ich finde, ihr solltet gemeinsame Sache machen. El'eym hat mir gesagt, dass er dir das vorgeschlagen hat.«
»Alice, das verstehst du nicht«, behauptete Diego. »Das ist Privatsache, okay?«
»Du möchtest doch aber auch Träumen nachgehen, die meine Privatsache sind. Und von denen ich El'eym zuerst erzählt habe. Wenn du nicht bereit bist, mit ihm zusammen zu dem Haus zu gehen, erledige ich das lieber mit ihm allein. Zweimal das Gleiche einzeln mit euch zu machen wäre totaler Kindergarten.«
»Alice«, seufzte Diego, und Ephraim nahm den warnenden Unterton in seiner Stimme wahr.
»Diego«, imitierte Alice seine Stimmlage formvollendet. »Du sprichst erst seit zwei Tagen freiwillig mit mir. Ich lasse mir von dir doch nicht vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe. Und hey, es ist absolut okay, dass dir dieses Ding mit der Zusammenarbeit unheimlich ist. Ein Mensch, der ein solches Genie ist wie du, es aber einfach nicht hinkriegt, seinen Kram in Ordnung zu halten – ich kann verstehen, dass es sich blöd anfühlt, auf El'eym angewiesen zu sein. Aber diese Union wird dir helfen. Und wenn du dir Mühe gibst und nicht andauernd raushängen lässt, dass du einen IQ von 252 hast, hat auch El'eym was davon.«
Diego schwieg, und Ephraim schaltete via Wristpad das Licht an. An Schlaf war nicht mehr zu denken – und er wollte Diegos Gesicht sehen. Welches anders als erwartet nicht vor Empörung strotzte, sondern große Nachdenklichkeit ausstrahlte, umrahmt von wirrem rosa Haar, dem man deutlich ansah, dass es seit Längerem nicht mit einer Bürste in Berührung gekommen war. »Meinst du?«, fragte er dann auch noch in tiefstem Ernst, ohne eine Spur von Ironie oder Spott. Ephraim fasste es nicht. Was ging hier vor?
»Meine ich.« Alice’ Locken standen ihr ebenfalls wild vom Kopf ab, und ihre Augen wirkten ungewohnt klein in ihrem müden Gesicht. »Und du kennst El'eym länger und besser als ich. Du weißt bestimmt, dass er niemals rumerzählen würde, wie es in deinem Labor aussieht. Und er würde das für dich in Ordnung bringen, ohne großen Dank dafür zu erwarten. Du solltest es zumindest mal versuchen, wenn du mich fragst, und das tust du gerade.«
Diego schluckte schwer. Er sah aus wie jemand, der versuchte, eine verschwommene Information in seinem Kopf zu fassen zu bekommen – und daran zu scheitern, genau wie Ephraim vorhin. »Okay«, murmelte er. »Soll ich ihn fragen, ob er herkommt? Dann könnten wir zusammen in das Haus. Das würde aber eine Weile dauern, Sima und Paym machen immer alles sehr, sehr gründlich. Also, weil El'eym das so will, natürlich.«
Auch Ephraim musste schlucken. In Momenten wie diesem hatte Diego etwas Rührendes an sich.
»Ich hab dir gerade gesagt, wie ich dazu stehe«, sagte Alice. »Und El'eym ist ein angesehener Wissenschaftler und hat einen Ruf zu verlieren. Mach uns einen offiziellen Termin, Diego. Oder macht das zusammen. Glaubst du, das Institut beschäftigt euch weiter, wenn ihr bei einem Einbruch erwischt werdet? Selbst wenn das Haus zehnmal unbewohnt ist, du kennst das Gesetz, und wegen einer solchen Lappalie muss man sich nicht mit ihm anlegen.«
Diego ächzte mit leidender Miene. »Da fängt es ja schon an. Nichts kann man mehr einfach so durchziehen, wenn man eine berufliche Fusion eingeht.«
»So ist das, du armer Kerl«, antwortete Alice. »Weißt du was? Ruf El'eym jetzt ruhig an. Meistens kann er um diese Zeit sowieso nicht mehr schlafen. Dann frühstücken wir hier im Speisesaal, bevor die Gäste runterkommen, und falls Ephraims Vater auftaucht und uns grimmig anfunkelt, flirte ich ein bisschen mit ihm. Er mag mich, glaub ich.«
»El'eym kann um diese Zeit nicht mehr schlafen?«, war alles, was Diego wahrgenommen zu haben schien. »Woher weißt du das?«
Alice lächelte ihm zu. »Ich hab ihn gestern Morgen aus Versehen im Halbschlaf angerufen und mich mindestens fünfmal bei ihm entschuldigt. Da hat er es mir erzählt.«
»Und warum?«, fragte Diego. »Ich meine, warum schläft er nicht um diese Zeit?«
»Für wie indiskret hältst du mich?« Alice klang so unaufgeregt wie meist, während Diego sie geradezu schockiert fixierte. »Frag ihn doch einfach. Ihr kennt euch, seit ihr Babys wart, wenn ich das richtig verstanden habe.«
»Ist gut.« Beklommen erhob Diego sich vom Bett. »Dann mach ich jetzt unten Frühstück. Und ihr tut nichts Unanständiges, okay? Jeder Volltrottel merkt, dass du was von diesem Siv'ik willst, Eph. Verdammt miese Wahl, der Typ kann mich nicht ausstehen – aber das ist allein deine Sache, da misch ich mich nicht ein.«

Kaum hatte Diego den Raum verlassen, ließ Ephraim sich rücklings auf die Matratze zurückfallen und stöhnte die Decke an. Das durfte nicht wahr sein. Zum Glück deaktivierte er bei Übernachtungsbesuch die Physis-Check-Funktion seines Bettes. Er wollte lieber nicht wissen, wie es im Augenblick um seinen Blutdruck stand, von seinem Hormonstatus ganz zu schweigen.
»Es ist wirklich auffällig«, setzte Alice noch einen drauf. »Aber Siv hat keine Ahnung, wie tief das bei dir geht, keine Angst.«
»Machst du dich über mich lustig?«, krächzte Ephraim. »Wenn selbst Diego es bemerkt hat? Er interessiert sich so sehr für das Liebesleben anderer Leute wie mein Vater für die Präsidentschaftswahlen auf Tinx. Die auch bald unsere Präsidentschaftswahlen sein könnten, okay, blödes Beispiel.«
Alice kicherte. »Ach, du. Weißt du, ich kenne Siv jetzt seit knapp einem Monat, und – der ist fertig, Ephraim. Ich habe keine Vorstellung davon, was er alles durchgemacht haben muss, aber ich kann dir garantieren, dass das keiner ist, der auch nur im Ansatz merkt, wenn ihm jemand ernsthafte Avancen macht.«
Etwas in Ephraims Brustkorb fühlte sich schwer an. »Ich hab ihn in ein Café eingeladen, dort auf ihn gewartet und er ist nicht gekommen«, sagte er leise. »Und was ich für ihn fühle, muss nicht die ganze Stadt wissen, okay?«
»Das dürfte schwierig werden, solange du ihn unübersehbar anschmachtest.«
»Gott«, würgte er hervor und rieb sich sein glühendes Gesicht. »Dabei kenne ich den doch eigentlich gar nicht. Er redet nicht gern mit mir, glaub ich. Ich hab’s ein paarmal versucht, aber irgendwie weicht er mir aus.«
»Glaub ich nicht«, sagte Alice. »Ich meine, diesen Eindruck macht er nicht auf mich. Er findet dich nett, aber man merkt ihm an, dass er im Grunde keine Kontakte sucht. Den Kontakt zu mir musste er suchen, um nach Waidbronn zu kommen, und wir haben uns auf der Reise natürlich nicht die ganze Zeit über angeschwiegen – deswegen ist er mir gegenüber anders. Wenn du den haben willst, musst du dich ziemlich anstrengen.«
»Ich weiß doch noch gar nicht sicher, ob ich ihn haben will«, seufzte Ephraim, und als Alice ihm aufmerksam in die Augen blickte, beschloss er, aufrichtig zu ihr zu sein. »Seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind, ist in mir so ein Drang, mit ihm zu sprechen. In seiner Nähe zu sein. Keine Ahnung, woran das liegt. Klar, er ist ziemlich hübsch, aber das ist es nicht. Würde es mir darum gehen, müsste ich El'eym ja nachlaufen wie ein Hündchen. Ich – ich weiß nicht, was der Grund ist. Ehrlich nicht.«
»Vielleicht ist der Grund egal«, meinte Alice. »Er hat ein paar seiner Reportagen bei der Neuen Allgäuer Presse eingereicht und hat da einen Festvertrag in Aussicht. Will er auch, wegen des Kleinen. Und er will hier wohnen bleiben, zumindest für die nächsten Jahre.«
»Ja? Siehst du, nicht mal das wusste ich. Mit mir spricht er nicht über sich, Alice.«
»Wenn du ihm nicht kräftig auf die nicht vorhandenen Eier gehst, eher nicht, nein.« Sie grinste ihm zu.
»Das hatte ich vor.« Ephraim wälzte sich aus dem Bett. »Ich werde ihn wieder und wieder einladen. Was Schlimmeres als mir noch ein paarmal den Korb des Jahrtausends zu verpassen kann er ja nicht tun.«
»Eben. Und he, du bist attraktiv, zuvorkommend, gebildet, gut im Bett und hast sogar Kohle. Behalt das alles ruhig im Hinterkopf, wenn du mit ihm redest. Oh nein, nicht wieder rot werden jetzt – ich muss dich nämlich noch was fragen.«
»Prima«, sagte Ephraim gepresst, rieb sich erneut die viel zu heißen Wangen und räusperte sich. »Ich dich auch. Wer ist dieser Max?«
Alice stockte für ein paar Sekunden. »Diese«, antwortete sie dann. »Max ist eine Sie. Eine junge Frau, von der ich manchmal träume. Und was ich so träume, passt ziemlich gut zu El'eyms und Diegos Forschung. Zu der Sache mit den anderen Welten. Kompakt formuliert sehe ich im Traum immer wieder Menschen, die durch Wände an andere Orte gehen. Max ist aber die Einzige, deren Namen ich kenne.«
Von einer Minute auf die andere fühlten sich Ephraims Knie an wie Pudding. Ihm wurde übel, und unwillkürlich sank er zurück auf die Matratze. »Fuck. Das alles wird immer abgefahrener.«
»Ja.« Alice rutschte nach vorn und setzte sich neben ihn. »Und weißt du, was ich mich die ganze Zeit frage?«
»Hm?«
»Wenn deine körperliche Präsenz El'eyms und Diegos Geräte stört, weil sich deine Strahlung nicht mit der Gaspari-Strahlung verträgt – warum kannst du dann Ports benutzen? Wieso störst du deren Funktion nicht? Oder die Übertragung, wenn du das Alphanetz benutzt?«
»Sehr gute Frage.« Ephraim atmete tief durch, doch die Übelkeit wollte nicht von ihm ablassen. »Können und nicht stören ist zu viel gesagt«, erklärte er. »Oder besser: Wenn ich Ports oder das Alphanetz nutze, stören sie eher mich als umgekehrt. Die Geräte transportieren mich zuverlässig, stofflich, mental oder beides. Aber danach ist mir jedes Mal so schlecht, dass in den nächsten Stunden nichts mehr mit mir anzufangen ist.« So schlecht wie jetzt, schob er gedanklich hinterher.
Alice starrte ihn nahezu verstört an. »Echt?«
Er nickte matt.
»Wow«, hauchte sie. »Ephraim, du musst wirklich weiterhin versuchen, mit Siv zu reden. Unbedingt.«
»Was hat Siv damit zu tun?« An die Wand gestützt erhob er sich wieder, bewegte sich Richtung Bad. Erst klingelte Diego ihn aus dem Bett, und jetzt würde er sich wahrscheinlich übergeben müssen. Was für ein Start in den Tag.
Alice seufzte auf, und als er sich zu ihr umwandte, sah sie ernstlich bekümmert aus. »Ich fühl mich scheiße dabei, so was weiterzugeben«, sagte sie beinahe tonlos. »Aber – was glaubst du, wieso wir von Ankara nach Waidbronn fast einen Monat lang unterwegs waren?«
»Weil es kaum noch Ports in Südosteuropa gibt? Und kaum Verkehr außer uralten Bussen und Bahnen?«
»Das stimmt«, räumte sie ein. »Aber wir haben auch auf dem restlichen Weg selten einen Port benutzt.«
Ephraim schnappte nach Luft. Wenn er nicht aufpasste, würde er auf den Korkboden kotzen, und doch konnte er sich nicht von Alice abwenden. Ihm fiel ein, wie blass Siv ausgesehen hatte, als er durch den Port am Marktplatz gekommen war. Und dass er auf keinen Fall in die Fidelity-Bubble hatte steigen wollen.
»Du solltest nicht aufgeben, egal wie oft er dich am Anfang abblitzen lässt. Siv'ik Rivera vertraut niemandem, und er spricht kaum über sich, wie du schon sagtest. Aber wenn du ihn etwas länger kennst, wirst du merken, dass – Ephraim, was ist los?«
»Ich …«, würgte er hervor, drehte sich um und rannte ins Badezimmer. Ein kleiner, weiß gefliester Raum mit Dusche und Toilette, der an sein Zimmer grenzte.
Vor der Toilette fiel er hart auf die Knie. Punktlandung. Glücklicherweise kaum Mageninhalt. Dafür die Frage, was zur Hölle sein Problem war. Er würde nicht aufgeben, nein. Das zumindest konnte er mit absoluter Gewissheit sagen.

»Übrigens«, meinte er leise, als er zurück in sein Zimmer kam, geduscht, mit frisch geputzten Zähnen und noch leicht feuchtem Haar. »Die Sache mit Diego und El'eym. Ich will mir nicht anmaßen, zu behaupten, ich würde da vollständig durchblicken, aber ich glaube, Diegos Problem liegt woanders. Klar, er ist ein Chaot, vor allem in seinem Arbeitsbereich. Und es würde ihn ärgern, wenn sich da jemand drüber lustig machen würde. Aber die Gesamtsituation ist komplizierter, fürchte ich.«
»Mhm, dachte ich mir.« Alice saß noch exakt so auf dem Bett, wie er sie zurückgelassen hatte, barfuß und in einem leichten grauen Pyjama. Offenbar hatte sie nicht vor, ihn auf seinen merkwürdigen Abgang von vorhin anzusprechen, und er war ihr dankbar dafür. »Aber das müssen wir Diego ja nicht auf die Nase binden, oder?«
»Whoa«, blies er aus und plumpste unelegant neben ihr auf die Matratze. »Du bist ja krass drauf.«
»He, gibt er jetzt Ruhe oder gibt er jetzt Ruhe?« Sie bedachte ihn mit einem überbreiten Grinsen. »Nein, ernsthaft. Mir ist bewusst, dass Diego ein Ausnahmetalent ist. Trotzdem ist El'eym derjenige, der es in ein paar Jahren als Wissenschaftler offiziell zu was gebracht haben wird. Auch ohne Diegos Mitarbeit. Während Diego … Scheiße, ich weiß, es geht mich nichts an, aber ich hab gestern sein Labor gesehen, Ephraim, und ich finde, es schadet ihm nicht, wenn ihm mal jemand seine Defizite aufzeigt. Und wenn er denkt, dass er derjenige ist, der mehr Unterstützung braucht – und so abwegig ist das gar nicht –, kommt er mit allem anderen vielleicht besser zurecht.«
»Puh.« Ephraim musste lachen, und er stimmte Alice durchaus zu, auch wenn das nicht ganz fair war. »Gibt es eigentlich irgendwas, das du nicht überblickst?«
»Klar.« Ihr Lächeln wirkte bedrückt. »Zum Beispiel, warum ich plötzlich darüber nachdenke, hier in der Gegend zu bleiben. Ich finde in jeder Ecke der Welt schnell Leute, mit denen ich mich verstehe, das war immer leicht für mich. Aber diesmal ist es anders. Enger. Mit dir, mit El'eym und sogar mit Diego.«
»Und das ist ein Problem?«, fragte er vorsichtig.
»Nein, kein Problem. Eher eine extrem unerwartete Wendung. Mein Vater lebt in Ankara. Mein Gewerbe ist dort angemeldet. Und es ist seltsam, dass ich ausgerechnet in diesem deutschen Kaff Menschen begegnet bin, deretwegen ich mich jetzt frage, ob ich mein Leben umkrempeln will. Ein Stück weit zumindest.«
Ephraim nickte. »Das verstehe ich. Trägst du eigentlich eine Quelle? Dein Deutsch ist unglaublich gut, du hast nicht mal ’nen Akzent.«
Alice lachte auf. »Nein, so ein Ding könnte ich mir nicht leisten, und ich wäre auch nicht erpicht darauf, mir im Hirn rumstochern zu lassen. Meine Urgroßeltern väterlicherseits stammten aus Kempten. Als Diego das erfahren hat, ist er fast ausgeflippt vor Aufregung. Er ist besessen von dem Gedanken, dass wir gemeinsame Vorfahren haben könnten.«
»Wegen der Sache mit dem Zettel?«
»Mhm. Er hat mir Blut abgenommen und per Drohne an die Allianz geschickt, einfach so. Die machen jetzt eine umfangreiche DNA-Analyse, soweit ich das kapiert habe.«
»Puh. Klingt sehr nach Diego, ja.«
»Vielleicht liegt er gar nicht so falsch mit der Idee. Er ist ein Gaspari-Nachkomme, und unter meinen Vorfahren gab es Leute, die Ecento hießen. Und Mitglieder beider Familien haben in grauer Vorzeit mal Philantro Industries geleitet, womöglich kannten die sich ja näher. Klar wissen wir wenig Konkretes über diese Menschen; durch die Netzumstellung unter Vi'd-Lay Gaspari gingen viele Informationen verloren, die nicht elementar wichtig waren. Aber wer weiß? Lassen wir Diego seinen Spaß.«
»Das alles ist unheimlich«, seufzte Ephraim. »Nicht bloß wegen der übernatürlichen Komponente, an die muss man sich halbwegs gewöhnen, wenn man mit den Kasts befreundet sein will. Sondern auch wegen der Vorstellung, dass El'eym nur einen einzigen Exoanzug von der Allianz finanziert bekommen hat, während es unter seinen und Diegos Vorfahren Leute gab, die diese Dinger mitentwickelt haben.«
»Der Staat ist nett«, knurrte Alice. »Bleibt abzuwarten, was uns unter einer Universalregierung noch erwartet. Ich bin froh, dass ich selbstständig bin. Und gesund.«
»Ob es irgendeine Möglichkeit gibt, die zwei mit der Philantro-Industries-Leitung bekannt zu machen?«, sprach Ephraim einen lange gehegten Gedanken aus. »Sie hätten das Zeug dazu, alle beide. Mehr als das. Sie entwickeln den Großteil ihrer Gerätschaften selbst.«
»Ich fürchte, sie hätten aber auch alle beide ein Problem damit, sich von Fremden herumscheuchen zu lassen. Solange es Hoffnung gibt, dass sie langfristig von ihrer Forschung leben können – ich weiß es nicht. Wenn Diego sich ernsthaft für eine Zusammenarbeit mit El'eym öffnet, brauchen sie Philantro Industries vielleicht in ein paar Jahren gar nicht mehr. Diesen Anzug, meine ich.«
»Ja. Das wäre großartig.«
»Darf ich fragen, was für Experimente die beiden konkret mit dir machen? Sie würden es mir sicher erzählen, aber es betrifft ja in erster Linie dich.«
»Hff«, machte Ephraim. »Klar. Kurz gesagt setzen sie mich unterschiedlich hohen Gaspari-Strahlendosen aus und dokumentieren, wie ich darauf reagiere. Das klingt unspektakulär, ich weiß, aber da ich ja nicht näher an die Geräte ran kann, sind diese Versuche ziemlich aufwendig. In El'eyms Forschungsanlage ist genug Platz, dass ich mindestens fünf Meter Abstand halten kann; mit Diego gehe ich meistens in den Wald. Sie haben beide verschiedenste Converter und Carrier; von kleinen Handpistolen bis hin zu mannshohen Kästen ist alles dabei. Die verwendeten Strahlendosen sind in der Regel gering, reichen aber aus, dass der Wert meiner eigenen Strahlung sich verändert. Oder mein Herzschlag. Oder meine Merkfähigkeit. Solche Sachen machen sie mit mir und halten die Ergebnisse fest.«
»Puh. Okay.«
»Außerdem arbeiten sie jeder für sich daran, einen Absorber zu entwickeln, mit dem man meine Strahlung aufnehmen kann, wie es mit der Gaspari-Strahlung längst möglich ist. Die Gaspari-Strahlung kann man inzwischen ja sogar künstlich erzeugen; es ist aber unwahrscheinlich, dass Diego und El'eym so was auf eigene Faust hinkriegen. Dazu bräuchten sie mehr Forschungsgelder.«
»Und die hängen davon ab, ob deine Strahlung irgendeinen Nutzen für die Menschheit hat?«, mutmaßte Alice.
»Richtig. Die beiden wollen rausfinden, wie andere Organismen reagieren, wenn man sie dieser Strahlung aussetzt. Gemüsepflanzen zum Beispiel. El'eym hat ein ganzes Gewächshaus dafür in seiner Forschungsanlage eingerichtet, stell dir das mal vor! Falls du das alles aber im Detail erklärt haben willst, muss ich passen.«
»Nein, keine Sorge«, lachte Alice. »Zurück zu dir: Sie wollen dir, laienhaft ausgedrückt, diese Strahlung also austreiben, indem sie dich mit Gaspari-Strahlung behandeln und dir deine eigene Strahlung Stück für Stück entziehen? Ist das überhaupt möglich?«
»Keine Ahnung. Noch sind das bloß Überlegungen und Versuche«, antwortete Ephraim. »Die beiden wissen selbst noch viel zu wenig, um feste Aussagen zu treffen. Am Samstag hatte ich zum Beispiel eine Art … Halluzination. Ob meine Strahlung so was auslösen kann, konnte mir aber weder Diego noch El'eym sagen. Möglich ist alles, sicher nichts.«
»Scheiße«, murmelte Alice.
»Ja«, stimmte Ephraim zu. Und plötzlich wurde ihm etwas bewusst: »Du fragst nicht nur meinetwegen, oder? Du fragst auch wegen Siv.«
»Ich frage wegen euch beiden.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. »Aber tatsächlich glaube ich, dass auch er das alles erfahren sollte, Ephraim.«
»Wahrscheinlich.«
»He, vielleicht gewinnen El'eym und Diego ja eines Tages ausgerechnet wegen deiner Strahlung den Nobelpreis«, scherzte Alice, als sie seine unbehagliche Miene wahrnahm. »Wer weiß, was die alles kann. Und dann kriegt sie den Namen Kast-Grün-Strahlung und ihr alle werdet stinkreich. Ganz ehrlich, ich traue den beiden Dinge in dieser Größenordnung zu, wenn sie sich zusammentun«, wurde sie wieder ernst. »Es wäre tragisch, wenn Diegos Allüren einer Zusammenarbeit weiter im Weg stünden. In Bezug auf die anderen Dimensionen, aber auch in Bezug auf dich.«
Ephraim schmunzelte unwillkürlich. »Okay, dann werde ich eben ein Star. Na, und wenn Siv mich in dem Fall immer noch nicht daten will, ist ihm nicht mehr zu helfen.«
 
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