Freitag, 21. April 2017

Auf der Suche nach dem Funken

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Irgendwann im letzten Jahr hat Georg mich zur Teilnahme an einem Schreibwettbewerb überredet. Also, zumindest in der Theorie. In der Praxis sah das Ganze so aus, dass ich zwar durchaus einen Text für den Wettbewerb verfasst, ihn dann aber vergessen habe. Den Text. Und den Wettbewerb. Und als Georg mich letztlich daran erinnert hat, war die Frist seit einem Tag abgelaufen. Wir sind ein Dreamteam.

Letztes Wochenende habe ich ein wenig auf meinen USB-Sticks aufgeräumt (ja, solche Dinge tue ich manchmal) und bin dabei auf diesen Text gestoßen. Das Thema des Wettbewerbs war »Ist Schreiben ein Handwerk oder eine Begabung?«, und ich stelle meine Ergüsse nun einfach hier ein; vielleicht interessiert sich ja der Eine oder die Andere dafür. :)

Warnungen:

★ Der Text ist unlektoriert; diese Arbeit machen wir uns jetzt definitiv nicht mehr damit.

★ Der Text enthält Spoiler zu Antonia Michaelis’ Roman »Der Märchenerzähler« und kann im Grunde sogar als Buchempfehlung betrachtet werden. Allerdings halt als eine, die einige Details bereits verrät. Daher weiß ich gar nicht, ob der Text so überhaupt zugelassen worden wäre; es waren einfach meine ersten Gedanken zum Thema.

Auf der Suche nach dem Funken


Manchmal, da sehe ich Abel noch immer fallen. Sehe vor mir, wie er sich erschießt, vor den Augen seiner kleinen Schwester Micha und seiner Freundin Anna. In die Enge getrieben und ohne ein Quantum Hoffnung. Manchmal, da kann ich es noch immer nicht fassen, dass ich vor fünf Jahren Zeugin dieses tragischen Todes wurde, der mich für einige Zeit an jeder Gerechtigkeit in der Welt hat zweifeln lassen. Ich habe um Abel getrauert wie um ein verstorbenes Familienmitglied. Abel ist eine fiktive Figur aus Antonia Michaelis’ Jugendroman »Der Märchenerzähler«.

Ich habe ein Faible für Bücher, die schwierige Schicksale beleuchten. Darum ist »Der Märchenerzähler« längst nicht der einzige mir bekannte Roman, in dem ein junger Mensch missbraucht wird, seelisch wie körperlich. Im Gegenteil, ich habe viele solcher Bücher gelesen, und teils haben mich diese Geschichten tief berührt.

Und doch: Obwohl sich Werke darunter tummeln, deren Konzept mich mehr überzeugte als das des Märchenerzählers, die ich als glaubwürdiger empfand als Abels schreckliche Geschichte, hat mich kein einziges dieser Bücher jemals so mitgenommen wie Michaelis’ Roman, der für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 nominiert wurde.

Tatsächlich kann ich heute kaum noch ein realistisches Jugendbuch lesen, ohne es unterschwellig mit dem Märchenerzähler zu vergleichen. Ähnlich wie ich Bachs Suiten für Violoncello solo kaum noch von einem anderen Cellisten als Yo-Yo Ma hören kann, ohne zu denken: Mas Interpretation berührt mich stärker, tiefer, allumfassender.

Dabei ist doch beides, das Spielen eines Instruments wie das kreative Schreiben, ein Handwerk, das erlernt werden kann – oder etwa nicht?

In meiner Kindheit beschloss eine Freundin meiner Mutter, das Klavierspielen zu lernen. Dummerweise war sie gänzlich unmusikalisch: Sie hatte kein Gespür dafür, wann in einem Musikstück eine Pause anstand, und so hielt sie sich starr an ihre Notenblätter und den Rat ihres Lehrers: Jede Pause in den einfachen Stücken, die sie zu Beginn lernte, sollte so lange dauern wie das Wort »Uff«, das sie beim Üben auch noch laut aussprach.

Eine Katastrophe, sollte man meinen und sich fragen: Warum hat sie sich nicht einfach ein anderes Hobby gesucht? Die Antwort ist simpel: Sie liebte die Musik und sie liebte es, Schritt für Schritt ein Teil von ihr zu werden. Beharrlich übte sie weiter, arbeitete hart an sich – und letztlich beherrschte sie ihr Instrument, ohne dass wir Außenstehenden ihr anmerkten, wie viel Mühe und Konzentration ihr das Spiel abverlangte.

Eine gefeierte Pianistin wäre aus ihr allerdings auch dann nicht geworden, wenn sie diesen Weg angestrebt hätte. Dafür, das weiß sie selbst, fehlt ihr der entscheidende Funke – jenes Etwas, das Musiker dazu bringt, nahezu mit ihrem Instrument zu verschmelzen und Menschen zu Tränen zu rühren. Jenes Etwas, das der amerikanische Cellist Yo-Yo Ma besitzt und mich damit derart fesselt, dass andere Cellisten sich in meinem Kopf grundsätzlich mit ihm messen müssen. Ma begann bereits als Vierjähriger mit dem Cellospiel – in den Schoß gefallen ist ihm sein Erfolg nicht. Und doch umgibt ihn eine besondere Ausstrahlung, wenn er spielt, die ich in Ermangelung eines besseren Wortes Begabung nenne.

Ich bin überzeugt, dass auch im Bereich des kreativen Schreibens viel mit harter Arbeit erreicht werden kann. Ausdruck, Charakterisierung, Spannungsaufbau: All das kann man lernen, und mit Beharrlichkeit kann dank dieser Grundlagen nahezu jeder Mensch Texte erschaffen, die lesenswert sind. Die berühren. Die theoretisch das Zeug haben, sich zu verkaufen. Ob Letzteres tatsächlich passiert, hängt natürlich von viel mehr ab als von der Leistung des Autors. Doch ja, ich bin sicher: Übung zahlt sich aus. Zumal Begabung und Leidenschaft in einer engen Beziehung zueinander stehen: Wer für etwas brennt, hat gute Chancen, sich in seinem Tun weiterzuentwickeln, und wer Erfolge erlebt, kann damit die eigene Leidenschaft weiter anfachen.

Was aber ist mit Abel? Was ist mit diesem gequälten jungen Mann, der im Suizid den einzigen Ausweg aus seinem katastrophalen Leben sieht und dessen letzte Minuten ich einfach nicht vergessen kann?

Ich glaube, einen Charakter, einen Menschen wie diesen kann man nicht durch reine Übung erschaffen. Wo derart tiefe Gefühle im Spiel sind, ist das Erlernbare allein meist nicht genug. Man kann schließlich auch nicht üben, sich zu verlieben, Mitleid zu empfinden oder einen Menschen zu hassen. Dies sind menschliche Gefühlsregungen, die sich in einem auftun oder eben nicht. Und diese Empfindungen mit einer Intensität in die schriftstellerische Arbeit einfließen zu lassen, die fast zwanghaft auf den Leser überspringt – nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass das zur Gänze erlernbar ist.

Man kann lernen, einen psychologisch dichten Charakter zu entwickeln, den der Leser als glaubwürdig empfindet. Ihn jedoch auf so tiefgreifende Weise zum Leben zu erwecken, dass der Leser sich ihm kaum entziehen kann – das kann einem niemand vollständig beibringen. Ebenso wenig die Fähigkeit, überhaupt erst kreative Ideen hervorzubringen.

Kunst birgt immer auch ein Geheimnis in sich, das sich nicht bis auf die Knochen abschaben, entschlüsseln und definieren lässt. Wäre es anders, gäbe es den Begriff Kunst nicht – in diesem Fall wären Schriftsteller, Maler, Tänzer, Schauspieler und Musiker allesamt ausschließlich Handwerker; in diesem Fall könnte man all diese Berufe zu klassischen Ausbildungsberufen machen, für die man außer Lernbereitschaft nichts mitbringen muss.

Nichtsdestotrotz lässt sich nicht leugnen: So fieberhaft fesselnd ein Autor auch zu schreiben vermag, so lebendig seine Figuren sein mögen – das allein macht keine tragfähige Geschichte aus. Hätte ich Abel nicht erst Schritt für Schritt kennenlernen dürfen, hätte ich nicht im Rahmen einer geschickt konstruierten Geschichte immer weiter mit ihm gehofft und gebangt, hätte mich sein Tod niemals derart tief treffen können. Doch verbunden mit gründlicher Arbeit, mit dem erlernbaren Teil, ist diese fieberhaft-realistische Art der Charakterisierung vielleicht jener Funke, den man Begabung nennen kann und der ein gutes Buch erst wahrhaftig zu einem herausragenden Buch macht.

Nachtrag, der nicht mehr zum eigentlichen Text gehört:

Übrigens breche ich mittlerweile regelmäßig Bücher ab, die nicht über derart mitreißende Charaktere verfügen. Vor Kurzem waren es zwei Bücher aus dem Science-Fantasy-Bereich, obwohl das nun seit etwa zwei Jahren mein liebstes Genre ist. Ein Buch kann noch so toll konstruiert sein und einen wunderschönen Stil besitzen – ohne echte, lebendige Charaktere packt es mich nicht, und dafür ist mir meine Lebenszeit inzwischen zu schade. Klar ist es deprimierend, umsonst Geld für ein Buch ausgegeben zu haben, doch Zeit ist mir unterm Strich dann einfach noch wichtiger.

Falls jemand den Siegertext des Wettbewerbs lesen möchte: Klick!

Mir hat er recht gut gefallen; am unterhaltsamsten fand ich allerdings die teils extrem missgünstigen Kommentare darunter. »Autoren und ihr Ego« wäre doch auch mal ein spannendes Thema für einen Wettbewerb. :D

Samstag, 15. April 2017

Grüße mit Staub

GA

In unserem Badezimmer mussten sämtliche Fliesen heruntergerissen und erneuert werden, da hier alles sehr alt ist und einige Fliesen sich gelöst hatten. Diese tagelange Baustelle hat ihren Staub ÜBERALL verteilt. Selbst in Schubladen von Räumen, deren Türen während der Arbeiten komplett geschlossen blieben, war er. Inzwischen ist fast alles geputzt und man sieht mit bloßem Auge nichts mehr, aber man spürt ihn nach wie vor im Rachen.

Wir wünschen euch frohe, unstaubige Ostern und lassen noch ein paar Baustellen-Fotos da. War nicht arg erquicklich, so über Tage hinweg auszukommen – irgendwas zwischen Mittelalter, Pflegeheim und Saharasimulation –, aber gemessen an dem, was zwei Nachbarn hier im Haus durchhaben (massiver Wasserschaden), hatten wir noch Glück. :D



Mittwoch, 22. März 2017

Der Horst und der Klassik-Filter

GA

Man mag es kaum glauben, aber nach dem tragischen Dahinscheiden von Alma und Fritz besitzen wir seit November 2016 ein Smartphone. Es hat eine angenehme pulsblaue Farbe, trägt den schönen Namen Horst-Ewald, und wenn wir auch seine zahlreichen anderen Funktionen kaum nutzen, so doch immerhin diese: die Kamera und deren Klassik-Filter.

Wir lieben den Klassik-Filter. Hier also ein paar Fotos, eins vom Horst persönlich (neben einer gleichfarbigen Energy-Drink-Dose, in die er sich im Januar verliebt hatte, aber daraus ist nichts geworden, weil sie ihm langfristig doch zu hohl war) und dann noch einige Naturbilder, die der Horst gemacht und mit dem Klassik-Filter versehen hat:








Freitag, 3. März 2017

Nachtrag – oder: Die reisende Ablage

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Ahh, aufgrund der Kommentare fürchte ich, ich habe mich in meinem letzten Post falsch ausgedrückt. Ein kleiner Nachtrag zur Klarstellung:

Mit »Die Kosten-Nutzen-Rechnung geht nicht mehr auf« meinte ich NICHT den finanzellen Aspekt. Das würde ja bedeuten, dass meine Distributoren Kosten für das Bereithalten der selbstverlegten Bücher berechnen, und das ist definitiv NICHT der Fall. Bei den von mir gewählten Anbietern Neobooks und BoD (Books on Demand) ist das Bereithalten vollkommen kostenlos, und mir ist auch kein Distributor bekannt, der das heute noch anders handhabt. Solltet ihr jemals einen Selfpublishing-Anbieter entdecken, der fürs bloße Bereithalten Geld verlangt, wäre mein Rat: FLIEHT!

Professionelles Selfpublishing verursacht zwar Kosten für Dienstleistungen, die das Buch selbst betreffen (Cover, Satz, Lektorat etc.); bei manchen Distributoren ist auch eine einmalige (!) Einstellungsgebühr üblich, bei BoD zum Beispiel 19 Euro für die Einstellung eines Printbuchs. Bereithaltungskosten dagegen halte ich für absolut unseriös.

Für Verlage gilt übrigens Ähnliches: KEIN Verlag, der von seinen Autoren Geld verlangt, ist seriös. Der Verlag bezahlt den Autor, nicht umgekehrt. Alles andere ist, Verzeihung, ein großer Scheißhaufen. Ein Verlag, der Geld von seinen Autoren verlangt, ist in der Regel ein Druckkostenzuschussverlag und ebenfalls zu meiden.

Heißt in Bezug auf meinen letzten Post: Die »Kosten« für die bereits existierenden Selfpublishing-Bücher sind NICHT finanzieller Natur. Gemeint war damit, dass sie mir schlichtweg Arbeit in Form von Buchhaltung machen, die mir bei den nach einem Jahr kaum noch vorhandenen Einkünften definitiv zu viel ist.

Wer veröffentlicht, muss seine Einkünfte dem Finanzamt angeben. Auch dann, wenn er nur so wenig einnimmt, dass er gar keine Steuer bezahlen muss. So kostet mich jedes Buch persönliche Ressourcen, die mir die paar Euro im Jahr, die die Bücher noch abwerfen, nicht wert sind. Meine Steuererklärung wird wesentlich unkomplizierter für mich, wenn ich nur noch die Verlagshonorare angeben muss. Da kommt zwar auch nichts Nennenswertes mehr rein, aber wie schon gesagt: Diese Verträge sind verbindlich.

Ich hoffe, die Situation ist jetzt etwas klarer. :)

Dazu passend schnell noch eine Anekdote meine Ablage betreffend, die ich schon seit circa zwei Wochen bloggen will. Konkreter gesagt, seit ich wegen dieser ganzen Situation nachts fast abgeröchelt wäre vor Lachen und beinahe mein Asthma-Bedarfsmedikament gebraucht hätte.

Meine Ablage und ich. Das ist ein großes Drama, seit es Unterlagen jedweder Art in meinem Leben gibt. Ich weiß nicht, warum. Ich habe über viele Jahre meine halbe Familie in bürokratisch-finanziellen Dingen über Wasser gehalten und hatte nie nennenswerte Probleme damit, und das bereits im frühen Teenageralter, obwohl ich Papierkram-Tätigkeiten schon immer gehasst habe.

Sobald es aber um Bürokratie ging, die ausschließlich mich betraf – für deren Schleifenlassen also NIEMAND außer mir selbst Ärger bekommen konnte –, war das Chaos geboren. Meine Ablage von 2005 (Bezug meiner ersten eigenen Wohnung) bis 2007 (Zusammenziehen mit Georg) gleicht einem Schlachtfeld. Konkreter, einem auf insgesamt sechs Ablage-Boxen verteilten Schlachtfeld. Das bis zum heutigen Tag niemals seinen Weg in Ordner gefunden hat.

Ab 2007 ging es dann, weil ab da eine ganze Weile Georg unsere gemeinsame Ablage gemacht hat. Wenn es darum ging, mit irgendwelchen Behörden oder sonstigen Stellen Korrespondenz zu betreiben, war das zwar immer mein Job, aber das korrekte Verstauen des Ganzen war vorrangig Georgs Ding; ab und zu haben wir es auch gemeinsam gemacht. Bis ca. 2009, als solche Dinge motorisch für ihn immer schwieriger wurden. Ab da habe ich die Ablage dann mehr und mehr übernommen, und heute bin ich zumindest so weit, am Anfang des Monats immer die gesamte Ablage des Vormonats gemacht zu haben.

Aber wir erinnern uns: meine Ablage von 2005 bis 2007, verteilt auf sechs Boxen. Wie ist es möglich, dass die sich nie vom Fleck (= aus den Boxen heraus) bewegt hat? Ich bin seither schließlich mehrfach umgezogen, zweimal allein und dreimal gemeinsam mit Georg, insgesamt also fünfmal.

Tja. Ich habe volle fünf Male einfach alle sechs Ablage-Boxen gemeinsam in einen Umzugskarton gestellt, sie in der jeweils neuen Wohnung wieder ausgepackt und so gelassen, wie sie waren. Darin dürften sich unfassbare Dinge tummeln, vom Schriftverkehr mit meinem ersten Vermieter bis hin zu Fotos meiner Expartner. Letzteres ist übrigens der Grund, warum ich nicht einfach Georg 2007 die Ablage habe machen lassen, obwohl er es mir angeboten hat. Also, alles, was recht ist, ein bisschen Anstand muss schon sein.

Hin und wieder allerdings haben auch gemeinsame Papiere von Georg und mir ihren Weg in diese Ablage-Boxen gefunden. Keine offiziellen Dokumente, aber Dinge, für die wir anfangs einfach keinen eigenen Ordner besaßen. Zum Beispiel die kilometerlangen Flehbriefe, die ich Georg während des Berufsschulunterrichts geschrieben habe, um ihn dazu zu bewegen, zwei Stunden früher zu gehen und in den Botanischen Garten zu fahren. *hust* (Nicht etwa, weil ich die Berufsschule nicht mochte, ich mochte sie sehr. Aber es gab so Fächer, in denen wir einfach NICHTS mitnehmen konnten aus dem Unterricht; wir haben dann tatsächlich oft zu zweit im Botanischen Garten gelernt, was effektiver war.) Oder trollige Aushänge, die wir im Ausbildungsbetrieb angefertigt und dann wirklich auch aufgehängt haben.

Und über einen solchen Aushang haben wir uns eben vor circa zwei Wochen im Bett vor dem Schlafen unterhalten. (Ja, wir wissen, dass unser Blog erfolgreicher wäre, wenn wir euch was über unser Sexleben erzählen würden. Ihr müsst euch aber leider mit Geschichten wie diesen zufriedengeben.) Georg grübelte darüber, wo dieser Aushang (bzw. eine Kopie davon) heute sein könnte, da er sich nicht in dem Sammelbuch befindet, das wir zu einem späteren Zeitpunkt der Ausbildung für solche Sachen angelegt haben – und ich sagte, dass die Kopie, WENN wir sie noch haben, eigentlich nur »in der Ablage« sein könne.

Daraufhin fingen wir beide an, zu lachen, aber das tun wir bei solchen nächtlichen Gesprächen oft und ist für sich stehend noch kein Grund zur Besorgnis. Gefährlich wurde es erst dann, als ich mir die unfassbare Absurdität vor Augen führte, dass ich als gelernte Bürokauffrau insgesamt fünfmal mit SECHS ÜBERVOLLEN ABLAGE-BOXEN umgezogen bin und das ganze Zeug, so wie es eben ist, Mal um Mal in Kartons gepackt und später wieder ausgepackt habe. Und Scheiße, ich KONNTE nicht mehr. Ich hatte irgendwann den ultimativen Lachkrampf, und nachdem Georg zum etwa fünften Mal gesagt hatte, dass ich mein Bedarfsmedikament nehmen soll, bin ich zumindest mal aufgestanden und in der Wohnung umhergelaufen, um wenigstens mal andere Bilder zu sehen als die in meinem Kopf. (Noch dazu befindet sich die Ablage derzeit im Schrank links neben meinem Bett. *hust*)

Irgendwann ging es dann wieder.

Und irgendwann mache ich auch diese Ablage.

Vielleicht.

Womöglich versteht ihr jetzt besser, WIE sehr ich Papierkram hasse. Ich mache Georgs und meine gemeinsame Ablage heute sehr zuverlässig, weil ich es MUSS. Weil sonst auch für Georg Schwierigkeiten entstehen würden, nicht nur für mich. Aber wegen einem oder zwei Euro pro Monat tue ich mir den zugehörigen Papierkram fürs Selfpublishing nicht weiter an. Es wird ja auch keine weiteren selbstverlegten Bücher mehr von mir geben, die für halbwegs lohnende Einnahmen auf diesem Weg sorgen könnten. Das ist etwas, das ich ehrlich nicht mehr leisten kann, dafür habe ich absolut keine Energie mehr übrig. In sauberen Schlussstrichen bin ich eben noch besser als heute im Papierkram.

Sonntag, 26. Februar 2017

Experiment »Selfpublishing« endet

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Wie der Titel schon sagt: Dieser Post dient der Ankündigung, dass mein Selfpublishing-Experiment sich (allerdings in gemächlichen Schritten) dem Ende zuneigt. Bereits Ende 2016 habe ich die E-Book-Version von »Codewort: Puls«, die via Neobooks vertrieben wurde, aus dem Verkauf genommen, und Mitte Februar 2017 habe ich auch alle meine Verträge mit BoD (Books on Demand) gekündigt.

Das betrifft:
- die Printversion von »Sein Artist«.
- die Printversion von »Codewort: Puls«.
- die Printversion (Hardcover und Paperback) sowie die E-Book-Version des Gedichtbands »Beziehungstat: Gedichte aus zehn gemeinsamen Jahren«, den Georg und ich im Herbst 2016 herausgebracht haben.

NICHT betroffen sind:
- »Schwester golden, Bruder aus Stein« in sämtlichen verfügbaren Versionen. (iFuB-Verlag)
- die drei Einhorn-Büchlein plus die zugehörige CD mit allen drei Einhorn-Geschichten. (iFuB-Verlag)
- die E-Book-Version von »Sein Artist«. (Ka & Jott Verlag)
- »Frei wie verkrüppelte Tauben« in sämtlichen verfügbaren Versionen. (Ka & Jott Verlag)

Insbesondere der Gedichtband »Beziehungstat« war nie »für die Ewigkeit« gedacht, sondern eine besondere Aktion zu unserem doppelten Jubiläum im letzten Herbst – der Band wird nun noch bis Ende September 2017 erhältlich sein. :)

Die Printversionen von »Sein Artist« und »Codewort: Puls« werden beide noch bis Anfang März 2018, ab jetzt also noch ein gutes Jahr lang, via BoD erhältlich sein; danach werden sie ebenfalls aus dem Verkauf genommen.

Zu den Gründen: Nach teils über einem Jahr im Verkauf werfen die selbstverlegten Titel nur noch so geringe Einkünfte ab, dass die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr aufgeht. Das verhält sich mit meinen Verlagsbüchern zwar ähnlich, doch ein Verlagsvertrag ist verbindlich, während ich als Selbstverlegerin eben selbst entscheiden kann, wann Schluss ist. Nämlich dann, wenn sich der Verkauf an sich nicht mehr lohnt und mir vorrangig Arbeit in Form von Buchhaltung bereitet.

Falls sich jemand tiefergreifend für das Thema »Verkaufskurve im Bereich Selfpublishing« interessiert: Der Post »Die Kurve nimmt keine Rücksicht auf dich« von Katharina v. Haderer erläutert das Thema umfassend und unterhaltsam. Besser könnte ich all das im Leben nicht erklären, weshalb ich auf eine eigene Darstellung verzichte und lieber auf diesen tollen Post verweise.

Ja. Das also zur Information. :)

Ganz oft werde ich gefragt, ob sich das Veröffentlichen für mich gelohnt hat – insgesamt betrachtet, jedoch besonders auf das Selfpublishing bezogen. Leider muss ich sagen: Nein. Nein, für mich hat sich das Veröffentlichen nicht gelohnt, weder im Verlagsbereich noch im Bereich des Selbstverlegens. Finanziell hat mir zwar das selbstverlegte »Codewort: Puls« von allen Büchern mit Abstand am meisten eingebracht, doch unterm Strich waren auch diese Beträge nicht der Rede wert. Um in diesem Bereich dauerhaft Geld zu verdienen, müsste ich schreiben wie am Fließband und nebenbei ein bombastisches Marketing aus dem Ärmel schütteln – das kann ich nicht leisten. Und ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage: Das können die allermeisten Menschen nicht leisten, die auch noch einen Alltag abseits des Schreibens zu bewältigen haben.

Mir ist bewusst, dass viele Selfpublisher ein anderes Bild von sich verbreiten. Tatsächlich weiß ich aber von einigen anderen Selfpublishern, dass auch sie finanziell nicht viel von dem ganzen Spaß haben. Meine persönliche Einschätzung ist daher die, dass es sich mit dem Marketing bei Selfpublishern ähnlich verhält wie mit der durchschnittlichen Selbstdarstellung in den sozialen Medien: mehr Schein als Sein. Ohne einen Brotberuf oder Unterstützung durch den Partner oder die Eltern läuft da für die meisten Autoren nicht sooo viel, wage ich zu vermuten. Jene Autoren, ob Selfpublisher oder (Klein-)Verlagsautoren, die mir bislang erzählten, »vom Schreiben leben« zu können, haben entweder einen gut verdienenden Partner oder wohnen gar noch mietfrei bei ihren Eltern. Ich nehme an, bei den meisten Menschen läuft das etwas anders.

Daher: Ich persönlich kann das Selfpublishing allen Schreibern guten Gewissens empfehlen, denen es vorrangig darum geht, sich mal auszuprobieren, neue Erfahrungen zu sammeln oder eben einfach das eigene Buch gedruckt in der Hand zu halten. Wer dagegen vor allem finanzielle Interessen verfolgt, sollte sich darauf einstellen, SEHR viel Arbeit in das Veröffentlichen zu investieren – und möglichst schon ein paar Titel auf Vorrat geschrieben haben. Der Buchmarkt ist unfassbar schnelllebig geworden; mit »Ich mache das alles aus Liebe« kommt man da leider nicht weit.

Es tut mir leid, dass ich kein ermutigenderes Statement abgeben kann. Aber vielleicht helfen meine Erfahrungen ja dennoch jemandem weiter, und sei es nur, um zu dem Schluss zu kommen: »Ich bleibe lieber beim Aus-Liebe-Schreiben und spare mir den restlichen Zirkus.«

So viel zu meinem Selfpublishing-Experiment. Es hat teils großen Spaß gemacht, ich freue mich über die gedruckten Bücher, Georg und ich LIEBEN den Beziehungstat-Gedichtband – aber langfristig lohnt sich das Ganze nicht, wenn man nicht permanent weitere Titel nachliefern kann. Meiner Buchhaltung und meinen Nerven zuliebe beende ich das Experiment also und freue mich, wenn ich ab dem Frühjahr 2018 »nur« noch die Verlagstitel im Auge behalten muss. :)

Ansonsten alles wie gehabt: Sollte ich jemals eine Möglichkeit sehen, mit dem Schreiben ernsthaft Geld zu verdienen, ohne Georgs Pflege vernachlässigen zu müssen, werde ich sie wahrnehmen. Ich fürchte aber, das wird auch weiterhin utopisch bleiben.

Ich hoffe, in diesem Post tummeln sich jetzt nicht drölfzig Fehler – wir haben heute Georgs Geburtstag nachgefeiert. :D Für Hinweise auf Vertipper etc. bin ich immer dankbar. :)

Und was mir ganz wichtig ist: Das hier sind meine persönlichen Erfahrungen, Vermutungen und Ansichten, keine allgemeingültigen Informationen. Ein offizieller Schreibratgeber bin ich definitiv nicht. :D

Dienstag, 21. Februar 2017

Angewidert

GA

Heute Morgen wurden wir noch vor dem Weckerklingeln von extremem Krach in unserem Wohnhaus geweckt. Wir hörten in erster Linie etwas, das wie ein Bohrer klang, nur in viel massiverer Lautstärke als bei einem durchschnittlichen Gerät, sodass uns klar war, dass irgendetwas im Haus ausgebaut werden musste. Wenig später gab es noch ein heftiges Rumpeln im Treppenhaus, dann war erst mal Ruhe, und wir dachten uns nichts weiter dabei.

Als wir circa eineinhalb Stunden später das Haus verließen, fanden wir im Treppenhaus dort, wo sonst unser Rolli steht (wir sagen tatsächlich »unserer«, wir nutzen ihn ja beide auf verschiedene Weise :D), eine ausgebaute Badewanne vor. Den Rollstuhl selbst hatten die Leute, die da am Werk waren, von seinem Platz gezerrt – mit Schloss und angezogenen Bremsen –, anstatt bei uns zu klingeln und zu fragen, ob wir ihn wegschieben könnten.

Beide Griffe des Rollstuhls sind nun locker, am rechten Griff befindet sich die Steuerung für die Brems- und Schiebehilfe. Deren Batterie haben wir natürlich immer in der Wohnung, aber das gesamte Gerät jedes Mal abzubauen, wäre ausgemachter Blödsinn. Daher steht der Rolli auch in einer Nische im Treppenhaus; in der Wohnung nutzen wir derzeit nur noch den alten Rollstuhl.

Ergebnis des Telefongesprächs mit dem Sanitätshaus: Der einzige noch freie Reparaturtermin ist am Donnerstag, an Georgs Geburtstag. Dem Sanitätshaus nehmen wir das natürlich nicht übel; wir sind froh, dass diese Woche überhaupt noch was zu machen ist. Aber jetzt dürfen wir erst mal rausfinden, wer die Beschädigung verursacht hat – und dann wahrscheinlich unserem Geld hinterherlaufen. Dafür ist selbstverständlich nicht die Krankenkasse zuständig, sondern die Verursacher des Schadens, und dieser Rollstuhl ist noch keinen vollen Monat alt.

Wir sind angewidert. Ehrlich. Angewidert von derart viel Ignoranz und Gleichgültigkeit. Egal, ob es Nachbarn oder Handwerker waren – sie hätten …

a) uns bitten können, den Rollstuhl selbst wegzuschieben.
b) vorsichtiger mit ihm umgehen können; man kann ihn auf den kleinen vorderen Rädchen durchaus auch in abgeschlossenem Zustand fortbewegen.
c) uns wenigstens nach der Beschädigung einen Zettel in den Briefkasten werfen können.

Aber wir vermuten, sie haben nicht mal bemerkt, dass durch ihre Schuld was kaputt ist. Weil es den meisten Menschen einfach nur egal ist, wie es anderen geht.

Jetzt steht der Rolli erst mal in unserer Garage, die leider nur dann problemlos erreichbar ist, wenn Georg NICHT im Stuhl sitzt, weil dorthin nur ein Weg führt, der zur einen Hälfte aus grobem Kies und zur anderen aus Erde besteht. Diesen Weg mit Georg IM Rollstuhl zu fahren, ist nahezu unmöglich, weil wir dort trotz Motor nicht wirklich vorwärtskommen. Zu Fuß ist der Weg für Georg natürlich auch nicht geeignet. Die einzige Möglichkeit wäre, dass Georg im Haus wartet, während Alex den Rollstuhl holt und zurückbringt, was völliger Quatsch ist, wenn es im Treppenhaus eine geeignete Nische gibt. Dennoch werden wir es künftig vermutlich so lösen, so unpraktisch es auch ist. Aber bis Donnerstag können wir den Rollstuhl nun ohnehin nicht mehr nutzen. So viel, wie wir beide gerade kotzen wollen, könnten wir nicht mal gemeinsam essen.
 
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