Freitag, 21. April 2017

Auf der Suche nach dem Funken

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Irgendwann im letzten Jahr hat Georg mich zur Teilnahme an einem Schreibwettbewerb überredet. Also, zumindest in der Theorie. In der Praxis sah das Ganze so aus, dass ich zwar durchaus einen Text für den Wettbewerb verfasst, ihn dann aber vergessen habe. Den Text. Und den Wettbewerb. Und als Georg mich letztlich daran erinnert hat, war die Frist seit einem Tag abgelaufen. Wir sind ein Dreamteam.

Letztes Wochenende habe ich ein wenig auf meinen USB-Sticks aufgeräumt (ja, solche Dinge tue ich manchmal) und bin dabei auf diesen Text gestoßen. Das Thema des Wettbewerbs war »Ist Schreiben ein Handwerk oder eine Begabung?«, und ich stelle meine Ergüsse nun einfach hier ein; vielleicht interessiert sich ja der Eine oder die Andere dafür. :)

Warnungen:

★ Der Text ist unlektoriert; diese Arbeit machen wir uns jetzt definitiv nicht mehr damit.

★ Der Text enthält Spoiler zu Antonia Michaelis’ Roman »Der Märchenerzähler« und kann im Grunde sogar als Buchempfehlung betrachtet werden. Allerdings halt als eine, die einige Details bereits verrät. Daher weiß ich gar nicht, ob der Text so überhaupt zugelassen worden wäre; es waren einfach meine ersten Gedanken zum Thema.

Auf der Suche nach dem Funken


Manchmal, da sehe ich Abel noch immer fallen. Sehe vor mir, wie er sich erschießt, vor den Augen seiner kleinen Schwester Micha und seiner Freundin Anna. In die Enge getrieben und ohne ein Quantum Hoffnung. Manchmal, da kann ich es noch immer nicht fassen, dass ich vor fünf Jahren Zeugin dieses tragischen Todes wurde, der mich für einige Zeit an jeder Gerechtigkeit in der Welt hat zweifeln lassen. Ich habe um Abel getrauert wie um ein verstorbenes Familienmitglied. Abel ist eine fiktive Figur aus Antonia Michaelis’ Jugendroman »Der Märchenerzähler«.

Ich habe ein Faible für Bücher, die schwierige Schicksale beleuchten. Darum ist »Der Märchenerzähler« längst nicht der einzige mir bekannte Roman, in dem ein junger Mensch missbraucht wird, seelisch wie körperlich. Im Gegenteil, ich habe viele solcher Bücher gelesen, und teils haben mich diese Geschichten tief berührt.

Und doch: Obwohl sich Werke darunter tummeln, deren Konzept mich mehr überzeugte als das des Märchenerzählers, die ich als glaubwürdiger empfand als Abels schreckliche Geschichte, hat mich kein einziges dieser Bücher jemals so mitgenommen wie Michaelis’ Roman, der für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 nominiert wurde.

Tatsächlich kann ich heute kaum noch ein realistisches Jugendbuch lesen, ohne es unterschwellig mit dem Märchenerzähler zu vergleichen. Ähnlich wie ich Bachs Suiten für Violoncello solo kaum noch von einem anderen Cellisten als Yo-Yo Ma hören kann, ohne zu denken: Mas Interpretation berührt mich stärker, tiefer, allumfassender.

Dabei ist doch beides, das Spielen eines Instruments wie das kreative Schreiben, ein Handwerk, das erlernt werden kann – oder etwa nicht?

In meiner Kindheit beschloss eine Freundin meiner Mutter, das Klavierspielen zu lernen. Dummerweise war sie gänzlich unmusikalisch: Sie hatte kein Gespür dafür, wann in einem Musikstück eine Pause anstand, und so hielt sie sich starr an ihre Notenblätter und den Rat ihres Lehrers: Jede Pause in den einfachen Stücken, die sie zu Beginn lernte, sollte so lange dauern wie das Wort »Uff«, das sie beim Üben auch noch laut aussprach.

Eine Katastrophe, sollte man meinen und sich fragen: Warum hat sie sich nicht einfach ein anderes Hobby gesucht? Die Antwort ist simpel: Sie liebte die Musik und sie liebte es, Schritt für Schritt ein Teil von ihr zu werden. Beharrlich übte sie weiter, arbeitete hart an sich – und letztlich beherrschte sie ihr Instrument, ohne dass wir Außenstehenden ihr anmerkten, wie viel Mühe und Konzentration ihr das Spiel abverlangte.

Eine gefeierte Pianistin wäre aus ihr allerdings auch dann nicht geworden, wenn sie diesen Weg angestrebt hätte. Dafür, das weiß sie selbst, fehlt ihr der entscheidende Funke – jenes Etwas, das Musiker dazu bringt, nahezu mit ihrem Instrument zu verschmelzen und Menschen zu Tränen zu rühren. Jenes Etwas, das der amerikanische Cellist Yo-Yo Ma besitzt und mich damit derart fesselt, dass andere Cellisten sich in meinem Kopf grundsätzlich mit ihm messen müssen. Ma begann bereits als Vierjähriger mit dem Cellospiel – in den Schoß gefallen ist ihm sein Erfolg nicht. Und doch umgibt ihn eine besondere Ausstrahlung, wenn er spielt, die ich in Ermangelung eines besseren Wortes Begabung nenne.

Ich bin überzeugt, dass auch im Bereich des kreativen Schreibens viel mit harter Arbeit erreicht werden kann. Ausdruck, Charakterisierung, Spannungsaufbau: All das kann man lernen, und mit Beharrlichkeit kann dank dieser Grundlagen nahezu jeder Mensch Texte erschaffen, die lesenswert sind. Die berühren. Die theoretisch das Zeug haben, sich zu verkaufen. Ob Letzteres tatsächlich passiert, hängt natürlich von viel mehr ab als von der Leistung des Autors. Doch ja, ich bin sicher: Übung zahlt sich aus. Zumal Begabung und Leidenschaft in einer engen Beziehung zueinander stehen: Wer für etwas brennt, hat gute Chancen, sich in seinem Tun weiterzuentwickeln, und wer Erfolge erlebt, kann damit die eigene Leidenschaft weiter anfachen.

Was aber ist mit Abel? Was ist mit diesem gequälten jungen Mann, der im Suizid den einzigen Ausweg aus seinem katastrophalen Leben sieht und dessen letzte Minuten ich einfach nicht vergessen kann?

Ich glaube, einen Charakter, einen Menschen wie diesen kann man nicht durch reine Übung erschaffen. Wo derart tiefe Gefühle im Spiel sind, ist das Erlernbare allein meist nicht genug. Man kann schließlich auch nicht üben, sich zu verlieben, Mitleid zu empfinden oder einen Menschen zu hassen. Dies sind menschliche Gefühlsregungen, die sich in einem auftun oder eben nicht. Und diese Empfindungen mit einer Intensität in die schriftstellerische Arbeit einfließen zu lassen, die fast zwanghaft auf den Leser überspringt – nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass das zur Gänze erlernbar ist.

Man kann lernen, einen psychologisch dichten Charakter zu entwickeln, den der Leser als glaubwürdig empfindet. Ihn jedoch auf so tiefgreifende Weise zum Leben zu erwecken, dass der Leser sich ihm kaum entziehen kann – das kann einem niemand vollständig beibringen. Ebenso wenig die Fähigkeit, überhaupt erst kreative Ideen hervorzubringen.

Kunst birgt immer auch ein Geheimnis in sich, das sich nicht bis auf die Knochen abschaben, entschlüsseln und definieren lässt. Wäre es anders, gäbe es den Begriff Kunst nicht – in diesem Fall wären Schriftsteller, Maler, Tänzer, Schauspieler und Musiker allesamt ausschließlich Handwerker; in diesem Fall könnte man all diese Berufe zu klassischen Ausbildungsberufen machen, für die man außer Lernbereitschaft nichts mitbringen muss.

Nichtsdestotrotz lässt sich nicht leugnen: So fieberhaft fesselnd ein Autor auch zu schreiben vermag, so lebendig seine Figuren sein mögen – das allein macht keine tragfähige Geschichte aus. Hätte ich Abel nicht erst Schritt für Schritt kennenlernen dürfen, hätte ich nicht im Rahmen einer geschickt konstruierten Geschichte immer weiter mit ihm gehofft und gebangt, hätte mich sein Tod niemals derart tief treffen können. Doch verbunden mit gründlicher Arbeit, mit dem erlernbaren Teil, ist diese fieberhaft-realistische Art der Charakterisierung vielleicht jener Funke, den man Begabung nennen kann und der ein gutes Buch erst wahrhaftig zu einem herausragenden Buch macht.

Nachtrag, der nicht mehr zum eigentlichen Text gehört:

Übrigens breche ich mittlerweile regelmäßig Bücher ab, die nicht über derart mitreißende Charaktere verfügen. Vor Kurzem waren es zwei Bücher aus dem Science-Fantasy-Bereich, obwohl das nun seit etwa zwei Jahren mein liebstes Genre ist. Ein Buch kann noch so toll konstruiert sein und einen wunderschönen Stil besitzen – ohne echte, lebendige Charaktere packt es mich nicht, und dafür ist mir meine Lebenszeit inzwischen zu schade. Klar ist es deprimierend, umsonst Geld für ein Buch ausgegeben zu haben, doch Zeit ist mir unterm Strich dann einfach noch wichtiger.

Falls jemand den Siegertext des Wettbewerbs lesen möchte: Klick!

Mir hat er recht gut gefallen; am unterhaltsamsten fand ich allerdings die teils extrem missgünstigen Kommentare darunter. »Autoren und ihr Ego« wäre doch auch mal ein spannendes Thema für einen Wettbewerb. :D

Samstag, 15. April 2017

Grüße mit Staub

GA

In unserem Badezimmer mussten sämtliche Fliesen heruntergerissen und erneuert werden, da hier alles sehr alt ist und einige Fliesen sich gelöst hatten. Diese tagelange Baustelle hat ihren Staub ÜBERALL verteilt. Selbst in Schubladen von Räumen, deren Türen während der Arbeiten komplett geschlossen blieben, war er. Inzwischen ist fast alles geputzt und man sieht mit bloßem Auge nichts mehr, aber man spürt ihn nach wie vor im Rachen.

Wir wünschen euch frohe, unstaubige Ostern und lassen noch ein paar Baustellen-Fotos da. War nicht arg erquicklich, so über Tage hinweg auszukommen – irgendwas zwischen Mittelalter, Pflegeheim und Saharasimulation –, aber gemessen an dem, was zwei Nachbarn hier im Haus durchhaben (massiver Wasserschaden), hatten wir noch Glück. :D